Flüssiger Stickstoff, oft als LN₂ abgekürzt (von engl. Liquid Nitrogen), ist die verflüssigte Form des elementaren Stickstoffs (N₂). Er ist die kostengünstigste und am häufigsten verwendete Kryoflüssigkeit.
Grundlegende Eigenschaften und Physikalisches Verhalten
Chemische Formel: N₂
Molare Masse: 28,0134 g/mol
Flüssiger Stickstoff ist eine klare, farblose Flüssigkeit, die aufgrund des Rayleigh-Streuungs-Effekts (Streuung von Licht an kleinen Teilchen/Dichtefluktuationen) oft als milchig-bläulich erscheint, ähnlich wie Wasser. Er ist geruchlos, geschmacklos und inert.
Kernparameter bei Siededruck (1 atm):
- Siedepunkt (Tₛ): 77,36 K (-195,79 °C, -320,42 °F)
- Erstarrungspunkt (Schmelzpunkt): 63,15 K (-210,00 °C, -346,00 °F)
- Kritische Temperatur (T꜀): 126,19 K (-146,96 °C)
- Kritischer Druck (p꜀): 3,3978 MPa (33,94 bar)
- Dichte der Flüssigkeit (ρₗ) bei Tₛ: 808,9 kg/m³
- Dichte des gesättigten Dampfes (ρᵥ) bei Tₛ: 4,614 kg/m³
- Latente Verdampfungswärme (ΔHᵥ) bei Tₛ: 198,8 kJ/kg (5,56 kJ/mol)
- Spezifische Wärmekapazität (cₚ) der Flüssigkeit bei Tₛ: ~2,0 kJ/(kg·K)
- Wärmeleitfähigkeit der Flüssigkeit: ~0,14 W/(m·K)
Thermodynamik und Zustandsänderungen
Die Eigenschaften von LN₂ werden maßgeblich durch die Dampfdruckkurve beschrieben. Der Siedepunkt ist stark druckabhängig. Diese Abhängigkeit wird gut durch die Clausius-Clapeyron-Gleichung angenähert:dPdT=ΔHvT⋅(Vg−Vl)dTdP=T⋅(Vg−Vl)ΔHv
Wobei:
- dPdTdTdP = Steigung der Dampfdruckkurve
- ΔHvΔHv = molare Verdampfungsenthalpie
- TT = absolute Temperatur
- VgVg und VlVl = molares Volumen von Gas und Flüssigkeit
Da Vg≫VlVg≫Vl, kann man VlVl vernachlässigen und unter der Annahme, dass der Dampf ein ideales Gas ist (Vg=RTPVg=PRT), erhält man die integrierte Form:lnP=−ΔHvR⋅1T+konst.lnP=−RΔHv⋅T1+konst.
Diese Beziehung zeigt, warum LN₂ in einem offenen Dewar-Gefäß bei atmosphärischem Druck konstant bei ~77 K bleibt: Die zugeführte Wärme wird sofort zur Überwindung der latenten Verdampfungswärme genutzt, nicht zur Temperaturerhöhung.
Expansionsverhältnis: Ein Liter flüssiger Stickstoff ergibt bei 25°C etwa 694 Liter gasförmigen Stickstoff. Dies lässt sich mit dem idealen Gasgesetz abschätzen:VgasVfl≈ρfl⋅R⋅TM⋅PVflVgas≈M⋅Pρfl⋅R⋅T
Einsetzen der Werte: ρfl=808.9 kg/m3ρfl=808.9kg/m3, T=298 KT=298K, M=0.028 kg/molM=0.028kg/mol, P=101325 PaP=101325Pa, R=8.314 J/(mol⋅K)R=8.314J/(mol⋅K)VgasVfl≈808.9⋅8.314⋅2980.028⋅101325≈694VflVgas≈0.028⋅101325808.9⋅8.314⋅298≈694
Dieses enorme Volumenverhältnis ist die Ursache für die Explosionsgefahr bei unsachgemäßer Lagerung in geschlossenen Behältern.
Herstellung: Das Linde-Verfahren
Die großtechnische Herstellung erfolgt über die fraktionierte Destillation von verflüssigter Luft nach dem Linde-Hampson-Verfahren (oder Modifikationen davon), basierend auf dem Joule-Thomson-Effekt.
Prinzip:
- Luftvorbehandlung: Luft wird gefiltert, komprimiert und von CO₂ und Wasser befreit.
- Rückkühlung und Expansion: Die komprimierte, vorgekühlte Luft wird durch eine Düse expandiert. Beim realen Gas führt dies (Joule-Thomson-Koeffizient μ > 0 für Stickstoff bei Raumtemperatur) zu einer Abkühlung.
μJT=(∂T∂P)HμJT=(∂P∂T)H
- Wärmeaustausch: Die kalte expandierte Luft kühlt die nachkommende, komprimierte Luft im Gegenstrom vor.
- Verflüssigung und Trennung: Durch diesen regenerativen Prozess kühlt sich das System solange ab, bis die Luft kondensiert. Die flüssige Luft (hauptsächlich ein Gemisch aus LN₂ und LOX – Flüssigsauerstoff) wird in einer Rektifikationskolonne getrennt. Da Sauerstoff (Tₛ = 90,19 K) einen höheren Siedepunkt hat als Stickstoff (Tₛ = 77,36 K), steigt der stickstoffreiche Dampf in der Kolonne auf, während der sauerstoffreiche Rückstand sich am Boden sammelt.
Lagerung und Handhabung: Der Dewar
LN₂ wird in speziellen doppelwandigen, evakuierten Isolierbehältern gelagert, Dewar-Gefäßen genannt. Das Vakuum zwischen den Wänden unterbindet Wärmeleitung und Konvektion. Versilberte Oberflächen reduzieren die Wärmestrahlung. Trotz dieser perfekten Isolierung findet ein stetiger Wärmeeintrag statt, der zum Sieden und einem kontinuierlichen Verdampfungsverlust führt. Typische Verdampfungsraten liegen bei 0,5 – 2 % des Behältervolumens pro Tag.
Gefahren und Sicherheitshinweise (wissenschaftlich betrachtet)
- Kälteverbrennungen (Erfrierungen): Die niedrige Temperatur führt sofort zur Zerstörung von Gewebe. Die Wärmeleitfähigkeit von Haut und Gewebe ist ausreichend hoch, um extrem schnellen Wärmeentzug zu ermöglichen.
- Erstickungsgefahr: Da LN₂ bei der Verdampfung den Sauerstoff in der Luft verdrängt, kann es zu einem lokalen Sauerstoffmangel (< 18 Vol.-%) kommen. Die Sauerstoffpartialdruck-Formel ist hier relevant:pO2=xO2⋅PgespO2=xO2⋅PgesWobei xO2xO2 der Sauerstoffmolenbruch in der Luft ist. Wird dieser durch Stickstoff-Dampf reduziert, sinkt pO2pO2 unter den lebensnotwendigen Wert.
- Druckaufbau und Explosion: Wie berechnet, führt die Verdampfung zu einer massiven Volumenexpansion. In einem geschlossenen System steigt der Druck nach der allgemeinen Gasgleichung P⋅V=n⋅R⋅TP⋅V=n⋅R⋅T schnell auf gefährliche Werte. Behälter müssen daher immer druckentlastet sein.
- Schnelle Phasenumwandlung (Rapid Phase Transition): Beim Kontakt von LN₂ mit einer wärmeren Flüssigkeit (z.B. Wasser) kann es zu einer extrem schnellen Verdampfung kommen, die einer Explosion gleicht und Flüssigkeitströpfchen mit hoher Energie wegschleudert.
Anwendungen (Auswahl)
- Kryokonservierung: Langzeitlagerung von biologischen Proben (Zellen, Sperma, Eizellen, Gewebe) bei Temperaturen unter -130°C (Glastemperatur von Wasser), wo alle biologischen und chemischen Prozesse praktisch stoppen.
- Kryochirurgie: Gezielte Zerstörung von krankem Gewebe (z.B. Warzen, Krebszellen) durch Gefrieren.
- Materialwissenschaften: Kaltbehandlung von Metallen zur Verbesserung der Härte und Abriebfestigkeit (Umwandlung von restlichem Austenit in Martensit in Stählen).
- Kryopumpen: Erzeugen von Hochvakuum durch Kondensation von Gasen auf kalten Oberflächen.
- Kühlmittel in der Supraleitung: Zum Betrieb von supraleitenden Magneten in MRI-Geräten (MRT) und Teilchenbeschleunigern. Hier wird oft ein geschlossenes Helium-System verwendet, das seinerseits durch LN₂ vorgekühlt wird, um Helium zu sparen.
- Lebensmittelindustrie: Schockfrosten („Kryofrosten“) zur Erhaltung von Textur und Qualität; Kühlung bei Transporten.
- Chemische Industrie: Inertisierung von Reaktoren, Kühlung von exothermen Reaktionen.
Zusammenfassung: Flüssiger Stickstoff ist ein essentielles Kühlmittel in Wissenschaft und Industrie. Sein Verhalten ist durch seine tiefe Siedetemperatur und die damit verbundenen thermophysikalischen Eigenschaften (hohe Verdampfungsenthalpie, großes Expansionsverhältnis) determiniert. Das Verständnis der zugrundeliegenden Thermodynamik ist für seine sichere und effektive Handhabung unerlässlich.